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Kairos Blog // die letzten drei...

Getrumpelte Obszönitäten im Alltag….und wieso Clinton dennoch gewann, November 2016

Mag man der amerikanischen Philosophin Judith Butler und ihrem performativen Modell von Geschlecht folgen, so wird im Großen wie im Kleinen, lokal wie global deutlich, dass Sprache Realitäten schafft. Frau und Mann sind keine natürlichen oder gar absoluten Gegebenheiten, sondern werden durch die Kategorien weiblich und männlich während des Sprechens erzeugt.


 

Wenn der mächtigste Mann der Welt als ordinärer Klotz über die Größe seines Geschlechts in Talkshows spricht, Frauen als Schweine beschimpft und den Ausdruck „Muschis“ in der Öffentlichkeit damit verteidigt, dass Bill Clinton auf dem Golfplatz noch ganz andere Dinge raushaut, dann spätestens ist das ganz große Öffentliche auch ganz groß privat – konstruiert und real. Die „getrumpelten“ Obszönitäten schocken in vielerlei Hinsicht. Sie sind sozial nicht kontrolliert und ein Großteil amerikanischer Frauen steht drauf, ja, sie wählten einen Sexisten. Die von Butlers konstatierte Macht der Sprache hat sich realisiert. Und sie tut es auch in meinem Alltag.

Vor ein paar Wochen hatte in der Arbeit am Mittagstisch einer der Männer, als ich mir eine Serviette in den Ausschnitt steckte, in die Runde gesagt: „Hey, im nächsten Leben als Serviette bei Frau Gronover geboren zu werden, das wär’s.“ Dann ein anderer: „Kannst bei der ruhig machen, die steht drauf.“ Ich verließ schweigend den Tisch. Später kam eine Kollegin und meinte: „Der Kerl hat das mit mir auch gemacht. Die haben sich über Prostitution unterhalten und ich meinte, sie sollten aufhören, mir wäre das Thema unangenehm. Da antwortete er: ‚Komm, stell ich dich nicht an, wenn wir alle zusammenlegen, dann überlegst du es dir nochmal.“ Ich ging später zu dem Mann, schaffte es, meine Position deutlich zu machen, was er damit quittierte, dass er mich beim Grüßen nun laut mit "Guten Tag Frau Dr. Gronover" anspricht. Dieses Macho-Gehabe ist ein Aspekt von Macht, der beunruhigt. Die Stärke von Clinton war, dass sie dem Widerling Trump die Stirn bot. Sie hat zwar die Wahl verloren, aber sie hat gekämpft, u.a. für eine Politik, die den großen und kleinen ordinären Trumps die Luft rauslässt. Wenn Sie sich nun fragen, warum er dennoch gewann, dann liegt das eben genau an dem Phänomen, dass Sprache im Kreislauf der Wiederholungen Realität schafft. Und meine Ohnmacht oder mein Unvermögen, diesen Kreislauf zu durchbrechen, ist systemisch bedingt. Sonst könnte ich mir ja unbescholten eine Serviette umbinden. Oder anders, manche Männer würden einsehen, dass im Unternehmen Agilität vor Virilität kommt.

 

 

„Wir schaffen das!“ – Durchhalteritual für Ehrenamtliche? September 2016

 

 

Als Angela Merkel am 31. August 2015 den Satz „Wir schaffen das!“ sprach, war dessen Karriere noch offen. Heute steht er für vieles, aber mindestens zwei Pole: die fast ignorante Abgehobenheit einer Kanzlerin, die sich für Selfies mit Flüchtlingen und Besuchen in deren Asylheimen öffentlich präsentiert und eines politischen Moralismus in Sachen Flüchtlingspolitik.

 

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„Sapore“ – Welche Sprache hat die Heimat? April 2016

In dem Film von Andreas Pichler „Mirabella – Sindelfingen: andata e ritorno“, 2001, wird der Raum Sindelfingen und sein Umland von Stuttgart am Beispiel von einigen von 56.000 Arbeitnehmern bei Mercedes, Porsche und IBM porträtiert. Mirabella Imbaccari ist ein Dorf bei Catania. Catania liegt im Inneren von Sizilien, ein Herzstück der Mafia.

 

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